„Ist dein Buch jetzt endlich fertig?“
Diese Frage bekomme ich inzwischen ziemlich oft. Und jedes Mal muss ich schmunzeln. Denn die ehrliche Antwort lautet: Ja… und nein.
Die Geschichte steht. Der rote Faden ebenfalls. Meine Figuren wissen längst, wohin ihre Reise führt. Trotzdem vergeht kaum ein Tag, an dem ich nicht wieder eine Seite öffne und denke:
Das geht besser!
Wer glaubt, ein Roman entstehe beim ersten Schreiben, wird wahrscheinlich überrascht sein. Das eigentliche Schreiben ist nur der Anfang. Die wahre Arbeit beginnt danach.
Inzwischen weiß ich gar nicht mehr, wie oft ich Band 1 überarbeitet habe. Manche Kapitel habe ich nur sprachlich verfeinert. Andere existieren in ihrer ursprünglichen Form überhaupt nicht mehr. Ganze Szenen sind verschwunden, neue hinzugekommen und manchmal stellt sich heraus, dass eine Figur fehlt, obwohl sie für die Geschichte plötzlich unverzichtbar geworden ist.
Genau so entstand übrigens Qira.
Während der Überarbeitung wurde mir immer deutlicher, dass Elenya in Velkran jemanden brauchte, der nicht kämpft, keine politischen Ziele verfolgt und ihr dennoch helfen kann. Jemanden, der Antworten nicht mit dem Schwert sucht, sondern zwischen den Seiten uralter Bücher. Also zog eine schüchterne Archivarin in die Große Bibliothek von Drak’Aran ein – und fühlt sich inzwischen so selbstverständlich an, als hätte sie schon immer dort gelebt.
Das Faszinierende daran ist, dass Figuren manchmal ein Eigenleben entwickeln. Anfangs erfüllen sie einen bestimmten Zweck. Doch je besser man sie kennenlernt, desto mehr wachsen sie über diese Aufgabe hinaus. Plötzlich schreiben sie nicht mehr nur die Geschichte mit – sie verändern sie.
Manchmal bedeutet das allerdings auch, dass bereits fertige Kapitel wieder überarbeitet werden müssen. Und dann beginnt das große Puzzeln:
- Passt der Zeitstrahl noch?
- Hat die Figur an dieser Stelle überhaupt schon dieses Wissen?
- Muss eine frühere Szene angepasst werden, damit später alles logisch zusammenpasst?
Genau darin besteht das Lektorat für mich. Es geht nicht nur darum, Tippfehler zu finden oder Formulierungen schöner zu machen. Es bedeutet, die gesamte Geschichte immer wieder zu hinterfragen, bis jede Szene ihren Platz gefunden hat. Manchmal ist das anstrengend. Und es dauert länger, als ich geplant hatte. Jede Überarbeitung bringt mich meinem Ziel ein Stück näher: eine Geschichte zu erzählen, in der sich jede Figur, jeder Ort und jede Entscheidung so anfühlt, als hätte sie niemals anders sein können. Wenn Leser später ganz selbstverständlich durch Lowi’tak reisen, ohne zu ahnen, wie oft ich dafür alles wieder umgebaut habe, dann hat sich jede einzelne Überarbeitung gelohnt.
Und wenn ich irgendwann glaube, nun endlich fertig zu sein…
…findet Qira vermutlich irgendwo im Archiv noch eine Schriftrolle, die alles wieder durcheinanderbringt….
Die Bilder dieser Seite wurden nach meinen Angaben mit einer Ki erstellt.



